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Historischer Medizin-Krimi mit faszinierendem Setting, aber einer leider sehr behäbigen Story

Runa: Roman - Vera Buck

Das Pariser Nervenkrankenhaus Hôpital de la Salpêtrière war im 19. Jahrhundert die angesehenste psychiatrische Heilanstalt in ganz Europa und berufliche Heimat einer ganzen Reihe bekannter Ärzte, zu denen beispielsweise auch Sigmund Freud zählte. Was zunächst wie eine absolute Vorzeige-Institution der medizinischen Forschung wirkt, erscheint in „Runa“, dem Debütroman der jungen Autorin Vera Buck, jedoch wie die Hölle auf Erden – zumindest, wenn man zu den bedauernswerten Patientinnen der Klinik gehört. Aus heutiger Sicht haben die damaligen Praktiken an der Salpêtrière nämlich mehr mit einer Folterkammer gemein, wie man als Leser schon früh im Buch feststellen muss. Einmal in der Woche hält der berühmte Neurologe Jean-Martin Charcot nämlich im Hörsaal der Klinik seine berühmten Vorträge und führt einer begeisterten Menge von Medizinern und Studenten die Patientinnen und ihre Erkrankungen vor – und dabei scheint das Motto zu gelten: je wahnsinniger die Kranke, desto spektakulärer die Show. Als Leser muss man schon schlucken, wenn psychisch kranke und wehrlose Frauen ohne jegliche Menschenwürde vor ein sensationslüsternes Publikum gezerrt werden und ohne Rücksicht auf ihr Wohl schmerzhafte Anfälle provoziert oder demütigende Untersuchungen an ihnen vorgenommen werden, während sich die vermeintliche neurologische Koryphäe Charcot von seinen Jüngern feiern lässt.

 

Ein mysteriöses Mädchen als unfreiwilliges Forschungsobjekt

 

Zu dieser begeisterten Anhängerschaft zählt auch der Protagonist dieses Romans, der junge Schweizer Medizinstudent Jori, für den das Studium an der Salpêtrière aus vielerlei Gründen der Himmel auf Erden ist: zum einen darf er mit den besten Ärzten seiner Zeit zusammenarbeiten und von ihnen lernen, er hat die Möglichkeit, mit einem Doktortitel unter Charcot seine persönliche Karriere deutlich voranzutreiben und er hofft, in diesem Umfeld endlich ein Heilmittel für die Hysterie-Erkrankung seiner großen Liebe Pauline zu finden und mit ihr dadurch das Leben führen zu können, dass er sich seit vielen Jahren erträumt. Der Schlüssel zum Erfolg scheint das Mädchen Runa zu sein, dass nicht nur Vera Bucks Buch seinen Titel verleiht, sondern Jori die Möglichkeit gibt, auf eigene Faust nach dem langersehnten medizinischen Durchbruch zu forschen. Und auch hier zeigt sich der zweifelhafte Charakter der Pariser Ärzteschaft, denn an der Klinik werden nach Bekanntwerden von Joris Projekt gleich Wetten darüber abgeschlossen, ob der Student es tatsächlich schafft, dem Mädchen förmlich „den Wahnsinn aus dem Gehirn zu schneiden“, oder ob Runa bei dem heiklen Eingriff ihr Leben lässt.

 

„Prominente“ Nebendarsteller sorgen für hohe Authentizität

 

Bis Runa jedoch überhaupt die Bühne betritt, vergehen fast 200 Seiten und so kommt die Geschichte an sich eher schleppend in Gang, da die Autorin das erste Romandrittel vorrangig dazu nutzt, den Schauplatz der Handlung vorzustellen und die Leser mit der medizinischen Thematik vertraut zu machen. Auch wenn die lange Einführungsphase wenig Spannung verspricht, so hat das Buch für mich hier jedoch bereits seine stärkste Phase, da die schockierenden Praktiken an der Salpêtrière eine verstörende Mischung aus Faszination und Abscheu hervorrufen und eine sehr beklemmende Atmosphäre erzeugen. Bucks großer Trumpf ist zudem, dass viele ihrer Nebenfiguren tatsächlich existierende historische Persönlichkeiten sind, wie z.B. der eingangs erwähnte Neurologe Charcot oder auch ein gewisser George Gilles de la Tourette, dem das gleichnamige Tourette-Syndrom seinem Namen zu verdanken hat. Dadurch wirkt „Runa“ sehr authentisch und der Realitätsbezug lässt die medizinischen Eingriffe an der Klinik noch einmal grausamer erscheinen, weil diese sich anscheinend tatsächlich so abgespielt haben.

 

Faszinierendes Setting, aber behäbige Story und schwache Hauptfigur

 

Allerdings machen ein interessantes Thema und ein spannendes Setting alleine noch keinen packenden Roman aus, und leider hatte „Runa“ für mich abgesehen davon auch wenig zu bieten. Die Story entwickelt sich sehr behäbig und auch die Krimi-Elemente konnte mich nicht wirklich zum Weiterlesen motivieren, zudem schaden die vielen Erzählperspektiven meiner Meinung nach eher als das sie nützen, da durch den ständigen Wechsel auch kein richtiger Erzählfluss aufkommen will. Ein weiter großer Kritikpunkt ist für mich zudem auch die schwache Hauptfigur, denn ich habe für Jori hauptsächlich Abscheu empfunden, weil dieser nur von egoistischen Motiven angetrieben wird, sich aber überhaupt nicht um das Wohl seiner Patientinnen zu scheren scheint und damit für mich als angehender Arzt und Sympathieträger komplett durchfällt und während der 600 Seiten auch kaum an Profil gewinnt. Auch das eher offene Ende konnte mich nicht zufriedenstellen, sodass „Runa“ für mich insgesamt leider eine Enttäuschung ist, da mich zwar das Setting fasziniert hat, mich die Geschichte selbst jedoch zu keinem Zeitpunkt fesseln konnte.

Quelle: http://buecher-monster.de/2015/11/24/gelesen-runa-vera-buck